Altes Haus mit Neuem Sinn

Passauer Neue Presse, 14.03.2015
von Thomas Haslböck

Altes Haus mit neuem Sinn - Ein renoviertes Bauernhaus im Bayerwald erhält den Bayerischen Holzbaupreis

Etwas so Lebendiges wie ein altes Bauernhaus, das bekommt heute kein Architekt mehr hin - da ist sichTom Frank sicher, obwohl er diesen Beruf selbst ausübt. Ein kleines Wagnis war es für den gebürtigen Landshuter daher schon, sich auf den Umbau eines verfallenen Bauernhauses in Vorderfirmiansreut (Landkreis Freyung-Grafenau) einzulassen. Doch es hat sich gelohnt: Das „Haus des Briefträgers“ wurde mit dem Bayerischen Holzbaupreis ausgezeichnet, und Tom Frank hat nebenbei viel über das „unverkrampfte Bauen“ früherer Zeiten gelernt.

Schon bei der ersten Besichtigung zog das 150 Jahre alte Gebäude den Architekten in seinen Bann - trotz des abschreckenden Gesamtbildes. Nicht nur das auf morschen Balken ruhende Blechdach rostete vor sich hin, auch Wasser stand im Haus, und der Schwamm sog sich an den Mauern fest. „Und doch spürte man das Potenzial“, erinnert sich Tom Frank. Vor allem der Lage wegen: Das Häuschen mit angebautem Stadel befindet sich unterhalb des Dorfes und liegt dort idyllisch in einem Hang - mit herrlicher Aussicht auf das darunterliegende Tal.

„Den Bauern damals hat dieses Panorama nicht viel bedeutet. Wer den ganzen Tag draußen schuftet, der ist froh, wenn er abends nichts mehr
von der Landschaft sehen muss“,meint der Architekt. Der Sinn des Hauses lag woanders: Nützlich musste es sein. Der Stadel wurde deshalb talwärts gebaut, damit die darin untergebrachten Tiere auf der Wiese davor weiden konnten. Die damit verbaute Aussicht bekümmerte vor 150 Jahren niemanden.

„Als Städter sehnt man sich hingegen nach Weite, Natur und Sternenhimmel - nach Freiheit eben“, meint Tom Frank schmunzelnd. Viel zu dunkel war es ihm, dem Wahl-Münchner, daher, als er das Haus zum ersten Mal betrat. Er erzählt weiter: „Sofort kam der Gedanke: Wenn man den Stadel öffnen würde, dann könnte man die ganze Landschaft hereinholen.“

Genau das hat Tom Frank nach Kauf desHauses gemacht: Dem oberen Geschoss des Stadels verpasste er ein großes Panoramafenster, unten und an der Seite lässt sich das Gebäude zusätzlich durch vier Schiebetore öffnen. Dazu musste aber der marode Anbau vollkommen abgerissen und neu aufgebaut werden. Diesen Eingriff hält Frank für legitim: In das alte Haus wurde ein neuer Sinn getragen - wie man früher die Funktionalität von außen erkennen konnte, so lassen sich nun die heutigen Bedürfnisse am Erscheinungsbild ablesen.

Doch auch wenn der Sinn sich verändert hat: Die Baukünste der Bauern spiegeln sich noch immer darin. Begann Tom Frank die Planung noch als
Fachmann, so legte er diese Attitüde bald ab. Plötzlich arbeitete der Architekt so, wie es Menschen schon vor Jahrhunderten getan hatten. Planung und Bau erfolgten damals zeitgleich - ein Prozess ohne feste Reihenfolge.

„Zunächst zwang mich das Haus selbst zu so einem Vorgehen: Erst während des Umbaus kam ich mit ihm so eng in Kontakt, dass ich es als Ganzes wirklich verstehen konnte“, sagt Frank. Zug um Zug lernte
er das Haus kennen, Zug um Zug kamen auch die Ideen.

Der Architekt schwärmt: „Plötzlich wurden die Umbauarbeiten zu einem organischen Prozess - das ist ein Abenteuer für jemanden, der in seinem Beruf hauptsächlich damit beschäftigt ist, Vorschriften und Normen einzuhalten.“ Diese Freiheit ist es auch, die den alten Bauernhäusern ihre Lebendigkeit verleiht. Rechte Winkel und gerade Linien gibt es da kaum, immer fällt etwas aus demBild, ist schiefer oder unebener, als ein computergenerierter Plan es zulassen würde. Frank: „Da wurde so gebaut, wie man es im Moment des Bauens für nützlich hielt.“

Diese ursprüngliche Verspieltheit bleibt auch nach dem Umbau sichtbar: Da schwebt etwa ein Fenster einsam über allen anderen Fenstern - hier war früher die Tür zum Schrot, also Balkon. Anstatt die Öffnung einfach zuzumauern, ließ der Architekt dem Haus diese Unregelmäßigkeit.

Aber auch Tom Frank selbst setzte sich über seinen inneren Architekten hinweg. So plante er die Baudetails nicht schon vorher - nein, die Situation offenbarte sie. War es mal wieder soweit, dann legte er die Arbeit nieder, fuhr ins Museumsdorf und ließ sich von den uralten Gebäuden inspirieren. Viel hat er bei solchen Ausflügen gelernt - etwa dass Wasser an den Fasern von sägerauem Holz besser abperlt, was ihn dazu veranlasste, sein Haus eben mit sägerauem Fichtenholz zu verschalen.

Dass Tom Frank sich überhaupt für diese Holzart entschied - nicht nur außen, auch innen - hängt ebenfalls mit der Bauweise der alten Waidler zusammen. Er erzählt: „Die haben damals nur mit Material aus der Umgebung gebaut: Granitstein, Feldstein, heimisches Holz. Das macht erst die Synthese zwischen Haus und Landschaft möglich.“ Durch die Verwendung ähnlicher Materialien, beispielsweise auch eines Heizkörpers aus Stein, ist es ihm gelungen, sein Bauernhaus mit neuem Sinn zu füllen, ohne ihm die Seele zu nehmen.

Nicht bereits zu Beginn, erst mit Beendigung des Baus konnte der Architekt das Ergebnis seines Experiments wirklich fassen. Frank: „Ich bin echt stolz darauf. Hätte ich noch einen Winter gewartet, so hätte der Schnee das Haus zusammengedrückt. Das wäre schade gewesen, weil alte Häuser so viel Potenzial bieten.“Wer sich darauf einlasse, dem gelinge es, dieses Potenzial auszuschöpfen und einen neuen Sinn in die Mauern zu legen.