Wenn ein Haus sich öffnet

Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung, 20.02.2015
von Uschi Ach

Wenn sich ein Haus öffnet
Architekt Tom Frank erhält den Holzbaupreis für den Umbau eines alten Bauernhauses

Tom Frank mag Bauernhäuser, er schätzt deren schlichte Form und die Art und Weise, wie sie sich dem Gelände anpassen. Der 49-Jährige mag Bauernhäuser sogar dann, wenn sie für ihn mit Arbeit verbunden sind. Wie das „Haus des Briefträgers“ in Vorderfirmiansreut (Kreis Freyung-Grafenau). Eineinhalb Jahre lang hat der Münchner Architekt das bau- fällige Haus von Grund auf saniert und zu einem Schmuckstück um- gebaut. Jetzt steht es da als Zeichen dafür, dass auch alte Häuser ein modernes Lebensumfeld bieten können. Das wurde nun auch von offizieller Seite anerkannt:
Frank wurde mit dem Bayerischen Holzbaupreis 2014 ausgezeichnet.

Es war Sympathie auf den ersten Blick, als er das malerische Häuschen
so bescheiden an der Straße stehen sah, erzählt Frank. „Das niedrige Wohngebäude, vom idyllischen Tal mit einer Scheune abgetrennt, eingewachsen von Flieder und Büschen.“ Das Haus vermittelte ihm den Eindruck, mehr zu sein, als nur das Baugrundstück, auf dem es steht. Durch die natürlichen Materialien der Umgebung – Granitsteinmauern, Holzblockwände, Fichtenholzverkleidung, gekalkte Wandflächen – bildeten das etwa 150 Jahre alte Haus und die Landschaft eine natürliche Einheit.

Frank kann sich gut an sein erstes Betreten des Gebäudes erinnern.
Dunkel und finster habe das Innere auf ihn gewirkt. Was ihn allerdings
nicht abgestoßen habe. Im Gegenteil. Die Finsternis hat seine Fantasie
geweckt. Ihm war sofort klar, dass er die Scheune und somit auch
das Haus zum Tal hin öffnen wird. Ein freier Blick in Richtung tschechische Grenze. „Unverbaubar“, schwärmt der Münchner, der gerade diese Weite in der Großstadt wohl nirgendwo finden wird. So klar ihm von Anfang an die Öffnung des Hauses war, so unterschiedlich haben
sich die weiteren Schritte im Laufe der Renovierung entwickelt. Wie erwartet, war die Bausubstanz in einem schlechten Zustand. Das
Dach des Hauses war undicht, Wasserschäden die Folge. Wenig erfreulich auch das, was er beim Scheunenholz vorfand. Und so hat er die Scheune abgerissen, das alte Blechdach abgenommen und die Dachbalken freigelegt, um auch diese schließlich durch neue Fichten-holzbalken zu ersetzen. Weggeworfen aber hat er die alten Balken nicht. Er hat sie zu Sitzbänken recycelt.
Beim Bau der Scheune verwirklichte er das, was ihm von Anfang an vorschwebte. Er rekonstruierte die alte Tenne und öffnete die zwei- geschossige Scheune mit Fenstern sowie mit einem breiten Tor zum Tal. „Wenn wir jetzt durch die Haustüre gehen, liegt das unberührte Tal vor uns.“ Seitlich öffnete er die Scheune im ersten Obergeschoss, denn auch das sorgt für mehr Helligkeit. Schließen lassen sich die Öffnungen mit großen Holzschiebetoren.
Nach eineinhalb Jahren Arbeit präsentiert sich das kleine Bauernhaus modern und freundlich. Außen wurden Wohnhaus und Scheune mit sägerauer Fichtenholzschalung verkleidet, innen die Holzblockwände freigelegt und, wo thermisch möglich, sichtbar gelassen.
War das Haus früher in seiner Funktion als Bauernhaus stimmig, so ist es das auch heute als Wohnhaus. Schließlich konnte es dank der Hang- lage und dem zweigeschossigen hölzernen Wintergarten den heutigen Anforderungen angepasst werden, ohne dass die Identität des Hauses zerstört wurde.

Helle Räume und viel Licht seien heutzutage unverzichtbar. Dagegen waren die Menschen früher so viel an der frischen Luft, dass sie die Sonne nicht auch noch im Haus brauchten. Mit den sich ändernden Bedürfnissen ändern sich auch die Bauten. Mit ein Grund, weshalb alte
Bauernhäuser oft kurzerhand abgerissen werden, um am Grundstück
ein neues Haus bauen zu können.
Noch heute sagten seine Nachbarn, er hätte das Haus einfach platt-machen sollen. Diesem Trend wollte er entgegenwirken. „Wenn man vor den alten Sachen auch nicht in die Knie gehen muss, so sollte man alten Häusern stets mit Respekt begegnen.“ Gerade alte Häuser seien oft lebendige Häuser.
Deshalb hat sich der 49-Jährige an alten Bauernhäusern orientiert, sich unter anderem im Freilichtmuseum in Finsterau Anregungen geholt.
„Mich interessierte, wie die alten Häuser aufgebaut sind“, erzählt er. Und so lag es für ihn auf der Hand, wieder Holz zu verwenden. „Ungeschliffen und unlackiert, so ist es am robustesten.“

Frank bereut die Arbeit nicht, die er wegen der umfangreichen Eigen- leistung mit der Renovierung des Hauses hatte. Wäre es aber unter Denkmalschutz gestanden, hätte er es nicht gekauft. „Wenn eine alte Bausubstanz komplett erhalten werden muss, ist so ein Projekt uninteressant.“ Obwohl das Häuschen nach der Renovierung anders aussieht als zuvor, wurde doch seine Identität bewahrt. Noch immer schmiegt es sich an den Hang, noch immer besteht es aus natürlichen Materialien – nur dass es sich nun zur Natur hin weit öffnet.

Info
Der Bayerische Holzbaupreis ist vom Bayerischen Staatsministerium
für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Zusammenarbeit mit dem Landesbeirat Holz Bayern und pro-Holz Bayern sowie der Bayerischen Architektenkammer und der Bayerischen Ingenieurekammer- Bau ausgelobt.