Die Konzeptionisten

Sueddeutsche Zeitung, 17.06.2011
von Oliver Herwig

Münchner Architekten (28): Die Konzeptionisten. Weite und Offenheit prägen die Bauten von Tom Frank und Tilman Probst.

Tisch trifft diese Konstruktion nur bedingt. Hier steht eine Tafel. Die Bürochefs arbeiten an entgegengesetzten Enden. Links, direkt neben der schweren Holztür mit ihren Kassetten, Tilman Probst, am anderen Ende des schlauchförmigen Raums sitzt Tom Frank. Dazwischen Niemandsland, Freiraum. Vielleicht muss man das sich so vorstellen: Die beiden Architekten kommen um halb neun ins Büro, erledigen Schreibarbeiten, zeichnen Rechnungen ab und beantworten E-Mails, all die Routinearbeiten eben, bevor sie zur eigentlichen Arbeit kommen. Dann grinsen sie sich an und widmen sich neuen Projekten – Modellen, Plänen und Aufrissen. Um zehn, wenn sich andere Kreativarbeiter langsam Richtung Büro aufmachen, gehen sie längst Kaffee trinken, reden über Fußball
und über die Bilder, die sie mit sich herumtragen, Bilder von Schulen, die sie im laufenden Betrieb umbauen, Hotels oder futuristische Wasserstoff-Tankstellen. Das haben sie alles schon gebaut,
Wettbewerb für Wettbewerb.

„Wir werden immer einfacher“, sagt Tom Frank. Architektur drehe sich um Ideen. Aber spektakuläre Fassaden und schöne Bilder, interessierten sie eher weniger. Frank und Probst stehen nicht für
Oberflächen, sondern für Konzepte: Wie steht ein Haus richtig in der Straße, wie fügt sich ein Raum an den nächsten, und wie gehen Menschen mit ihrer Stadt um? Solche Fragen sind ihnen wichtig. Ihre
Arbeit könnten sie auch am Küchentisch machen, frotzeln die beiden Baumeister, und etwa sowar es auch, als sie ihren ersten
Wettbewerbsgewinn ablieferten, den Entwurf zum „Landhaus 2“ im Juni 2001, dem Amt der Tiroler Landesregierung in Innsbruck. Damals arbeiteten sie in einer Waschküche im Souterrain, auf
Holzbohlen und zwischen zurechtgezimmerten USB-Platten.

Aus Innsbruck kehrten Frank und Probst begeistert zurück. „Dass wir in einer Waschküche saßen, spielte keine Rolle“, sagt Frank, „niemand bezweifelte, dass wir das bringen würden“. Nur das
Modell, baten die Tiroler, sollten sie weiß anmalen, für die Öffentlichkeit. Der schwarze Kasten mit grünen Fenstern
komme nicht so gut an. Innsbruck wurde zum Durchbruch für das Duo. Der zweite gemeinsame Wettbewerb – und schon ein erster Platz. Weitere sollten folgen. Am Anfang stand keine Freundschaft,
eher eine Arbeitsgemeinschaft. Probst arbeitete als Assistent an der Hochschule, Frank an seinem Diplom. Ein Mitarbeiter machte Skiurlaub, und Probst suchte händeringend Hilfe für einen Wettbewerb. Zehn Jahre undmehrere erfolgreiche Wettbewerbe später sitzen sich immer noch ziemlich unterschiedliche Charaktere
gegenüber. Groß und schlank, graumeliertes Haar: Tilman Probst, daneben Tom Frank: stämmig, mit zupackendem Händedruck. Wie arbeiten die beiden wohl zusammen?

„Ich bin der Sowohl-als-auch-Typ“, stellt sich der gebürtige Heidelberger Probst vor und legt die Stirn in Falten,
„Tom dagegen ist für das Entweder-Oder zuständig“, er suche sofort Entscheidungen. Klingt wie Feuer und Wasser. Sofort schiebt Probst nach: „Zum Glück sind wir beide absolut kritikfähig, da können schon mal die Fetzen fliegen.“

Der Erfolg gibt ihnen Recht. Sie wälzen die Projekte so lange, bis sie sicher wissen: So kann es gehen. Viele Alternativen und Tausende von Skizzen und Renderings sind nicht ihre Sache. „Wir haben
relativ wenig Papierverbrauch“, sagt Probst trocken.

Im Münchner Arnulfpark entstand ihr bislang größtes Bauwerk, das 200 Meter lange „Hofhaus“: monumentale und selbstbewusste Bürotürme, entstanden in der Arbeitsgemeinschaft von Kahlfeldt Architekten (Berlin), Frank und Probst Architekten und Ekert und Probst Architektinnen (München). Sie strahlen Ruhe aus, urbane Härte, und schließen den Arnulfpark zur Bahntrasse im Süden hin ab.

Im Jahr 2002 gründeten Frank und Probst das gemeinsame Büro „aufgrund eines gewonnenen Wettbewerbs mit darauffolgender
Beauftragung“. So trocken liest sich das auf der Homepage. Statt leuchtender Animationen zeigen die Büroinhaber im Internet Holzmodelle, Schnitte und Zeichnungen. Ganz am Schluss taucht das eine oder andere Foto auf. Dabei sind ihre Häuser und Projekte
höchst ästhetisch und fotogen, wie etwa das Linde Hydrogen Center mit seinen drei schwebenden Kunststofflinsen in Stahlringen. Als einmal eine PR-Beraterin bei ihnen vorbeischaute, fragte die sofort
nach dem Profil des Büros: „Seid ihr Betonbauer oder Holzarchitekten oder steht ihr für Hightech?“ Die Architekten
antworteten mit einfachen Worten: „Wir wollen gute Architektur machen.“

Nach Stationen in der Waschküche und neben dem Großmarkt sind Frank und Probst im Glockenbachviertel angekommen. Gründerzeitarchitektur, schwere Kassettendecke und eine Raumhöhe
zum Squash-Spielen. „Da bestätigt sich wieder mal das Klischee“, sagt Probst lachend, „Architekten lieben Stuck, auch wenn sie nur Beton bauen.“ Doch das stimmt gar nicht. „Furchtbar“ findet
Tom Frank das Interieur, darum haben sie gleich Stahlregale aus dem Keller aufgestellt, Meter um Meter, voller Modelle und Aktenordner. Per Zufall sind sie in die Direktionsräume der ehemaligen „Königlich-Bayerischen Möbelmanufaktur“ eingezogen. Der Schnitt war perfekt – weite, offene Zimmer, keine Zellenbüros. Diese Weite, diese Offenheit vermitteln auch ihre Bauten.

Inzwischen haben sie mehr als ein halbes Dutzend Wettbewerbe gewonnen, von der Druckerei des Straubinger Tagblatts über das Linde Hydrogen Center bis hin zum Institut für Hörgeschädigte in Straubing und dem Bonner Hotel Kanzler. Nach dem Großprojekt Arnulfpark backen sie wieder kleinere Brötchen. Das schreckt Frank und Probst nicht, denn eine Riesenmaschine wollten sie nie werden. So wird es weitergehen, von Wettbewerb zu Wettbewerb. Kreativarbeit
ist ihr Leben, gleich nachdem der morgendliche Papierkram erledigt ist.