Kunst am Bau

Führer Kunst am Bau in Innsbruck
Herausgeberin, Konzept und Text / Ima Plotz

Erkundung des öffentlichen Raumes
Fragen an Tom Frank / fpa


Der englische Architekt Norman Foster soll gesagt haben: „Kunst am Bau ist wie Lippenstift auf einem Gorilla.“ Teilen Sie seine Meinung?

Wahrscheinlich kann man als Architekt leichter mit der Vorstellung leben, Architektur sei ein Gorilla, als ein Künstler damit, dass Kunst am Bau wie ein Lippenstift ist.
Die Frage aber ist doch: Wofür braucht ein Gorilla Lippenstift?
Der Vergleich von Sir Norman Foster stellt nicht nur dieses Problem fest, er gibt auch gleich die Antwort.
Man kann es tatsächlich nicht besser sagen.

Kann die Farbgebung eines Gebäudes bereits Kunst am Bau sein?

Fred Angerer, mit dem Tilman Probst und ich früher zusammen arbeiteten, sagte kurz und bündig: „Farbe, da kenn ich mich nicht aus.“
Was nicht stimmte, bei ihm war einfach alles weiß. Es war phantastisch.
Ich kenne wenige Architekten, die mit Farbe arbeiten und ich kenne noch weniger, die das gut machen. Farbe und Raum ist ein hochkomplexes Thema, bei welchem die Neuentwicklungen der Industrie und die immer dicker werdenden Musterfarbfächer nicht wirklich weiterhelfen.
Die Künstler, die intensiv mit diesem Thema arbeiten haben meines Wissens - wie Goethe - alle eine eigen in sich stimmige Farblehre entwickelt, teilweise sogar mit eigenen Farben.
Wenn man als Architekt die Möglichkeit hat, solch einen Künstler zu Hilfe zu nehmen, sollte man das unabhängig von eigenen farblichen Vorlieben tun. Und daraus entsteht dann Kunst. Natürlich.

Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Architektur mit Kunst am Bau von der historischen Baukunst?

Historische Baukunst ist Ergebnis aller Künste, der „dienenden“ und der „freien“. Das trifft zu für die frühen Hochkulturen des Zweistromlandes und reicht bis zum Beginn der Neuzeit. Angestrebt wurde immer das Gesamtkunstwerk als Zurschaustellung von Reichtum und Macht.
Ein Beispiel: der Palazzo Ducale in Urbino des Feldherrn Frederico di Montefeltro, der mit seinem Bau die gesamte Stadt umstrukturierte und über Jahrzehnte die besten Künstler Italiens (darunter Architekten) an seinem Hof beschäftigte.

Solche Bauherren sind heute sehr selten geworden. Unsere Kultur wird nicht geprägt von dem „universalen Menschen“ sondern vom „Spezialisten“.
Architekten machen Architektur, Künstler machen Kunst.
Und dann gibt es noch ein paar sogenannte Künstler, die sich auf Kunst am Bau spezialisiert haben.

Wo trifft sich die Architektur mit der Kunst am Bau?

In der Tageszeitung

Wer soll ihrer Meinung nach den Künstler/ die Künstlerin auswählen?

Der der zahlt

Waren oder sind Sie Mitglied einer Kunst-am-Bau-Jury?

Tilman Probst war Mitglied im Auswahlgremium für die Künstler,
ich war Mitglied in der Kunst am Bau - Jury.

Nach welchen Kriterien soll der/ die Künstler/ in gewählt werden?

Nach der Qualität seines Gesamtwerkes

Die Stadt als großer Kunstraum?

Wenn man einmal annimmt, dass es bei Kunst um Wahrnehmung (von Leben) gehen könnte, gibt es tatsächlich kein besseres Kunstwerk als die Stadt.

Sind Sie Kunstkenner?

Die Szene verändert sich ständig. Es gibt niemanden, der alles kennt, der nicht zu überraschen wäre.

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich Kunst am Bau?

Gar keine

Moderne Kunst bedeutet für viele Provokation.
Kunst am Bau als öffentliche Provokation?

Wenn für jemanden zeitgenössische Kunst Provokation bedeutet, ist für so jemanden Kunst am Bau natürlich auch Provokation. Das ist logisch.
Ich persönlich kenne aber tatsächlich niemanden, der so denkt.

Finden Sie, dass Kunst am Bau ein allgemeines Kunstinteresse fördert?

Allgemeines Kunstinteresse gibt es nicht. Interesse an Kunst ist immer individuell.

Müssen Architektur und Kunst am Bau harmonieren?

Wenn man Harmonie will: ja. Wenn man Kontrast will: nein.
Persönlich neige ich eher zu letzteren.



Soll die Kunst am Bau mit der Architektur oder
mit den Benützer/Innen des Bauwerks korrespondieren?

Kunst ist umso besser, je eigenständiger sie ist.
Einen zu leichten Dialog mit der Architektur oder den Benützer/Innen stelle ich mir eher langweilig vor.

Muss Kunst am Bau überhaupt einen Zweck erfüllen?

Kunst erfüllt immer einen Zweck. Je weniger offensichtlich dies geschieht, desto besser. Das gilt auch für Kunst am Bau.
Die schrecklichste Kunst am Bau die ich mir vorstellen kann wäre eine, die nebenbei auch noch geforderte Funktionen erfüllt (z. B. Blend-/oder Sichtschutz, wie nett…).

Können Sie sich vorstellen, dass bei einem Sozialprojekt auch die Benützer/ innen des Bauwerks die Kunst am Bau mitgestalten?

Nein

Können Sie sich vorstellen, dass es einmal ein Kunst-am-Bau-Museum geben wird, in dem auch Abbruchreste von Kunst am Bau als Kunst – Zitat ausgestellt werden ?

Ich hab`s versucht, ging nicht. Klares Nein.

Ein anderes Wort für Kunst am Bau?

Ich habe einmal einen Künstler sagen hören:
„Kunst am Bau, ist doch Scheiß. Wenn die mich wollen, sollen sie ein Bild von mir kaufen. Das können sie sich dann an die Wand hängen.“

Weiter meinte er, die meisten ernsthaft arbeitenden Künstler nähmen Kunst am Bau sowieso nicht ernst:
„Ist doch nur `ne Nische zum Geld abgreifen.“



Tom Frank

München, 28. Juni 2006